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Die Nurmana-Chroniken

Der erste Teil der Trilogie "Die Nurmana-Chroniken" ist 2016 fertig geworden! Auch wenn es vordergründig Fantasy ist, ist dieser Jugendroman sehr politisch und nimmt die großen Themen unserer Zeit (Datensammlung/-schutz im Internet, Stimmungsmache gegen Minderheiten) auf. Die ersten Seiten stehen hier als Leseprobe. Zum Inhalt:

 

Emelie wächst in einem Waisenhaus auf, nachdem ihre Eltern auf mysteriöse Weise verschwunden waren, als sie fünf Jahre alt war. Nun, als Jugendliche, haben die Technokraten, die diese Welt beherrschen, ein großes Interesse an ihr - denn sie hat ein enorm hohes magisches Potential und ist die letzte Hoffnung im Kampf gegen die Schwarzen Magier, die die Welt erobern und alle Technik vernichten wollen. Emelie und einige andere werden zu einer magischen Eliteeinheit ausgebildet, die die Gegner der Technokraten mit ihren eigenen Mitteln schlagen sollen. Parallel dazu wird auch die Technik immer weiter entwickelt. Allerdings eskaliert der Krieg deutlich schneller, als alle Beteiligten es vorausgeahnt hatten. Und je mehr Emelie in den immer heftiger tobenden Krieg hineingezogen wird, desto mehr Zweifel kommen ihr. Steht sie wirklich auf der richtigen Seite? Zusammen mit dem Jungen Maru, der ebenfalls über magische Kräfte verfügt, und dem alten Knecht Grant, der sie nie im Stich gelassen hat, versucht Emelie, ihren eigenen Weg zu gehen und irgendwie trotz aller Wirren des Krieges erwachsen zu werden. Denn sie erkennt, dass alle, die mit ihr zu tun haben, bereits ihre Pläne haben - ohne dass sie etwas mitbestimmen soll. Sie will sich von allem befreien, koste es was es wolle. Immer klarer wird ihr, dass sie dazu aber auch ihre Eltern finden muss, um ihr Kindheitstrauma endlich überwinden zu können.
 

Ein Roman über das Erwachsenwerden, das Erwachen der Liebe und die Wichtigkeit eigener Ziele in einer Welt, die den Menschen zu etwas formen möchte, was eigentlich gar nicht seinen Bedürfnissen entspricht.

Prolog

 

Grant, der alte Knecht, dessen eigentlicher Name schon so lange in Vergessenheit geraten war, dass alle nur den Spitznamen des grantigen alten Herrn behalten hatten, richtete sich stöhnend auf und blickte Richtung Horizont. Ihm war, als hätte er dort ein Geräusch gehört, doch so weit er sehen konnte, wogten die unendlich scheinenden Weizenfelder im leichten Sommerwind hin und her. Weit entfernt waren die schwarzen Berge der Nordkette zu erahnen, die im Dunst der flimmernden Luft mehr als eine Einbildung gelten konnten. Der kleine Bauernhof stand mitten in den Feldern, es gab nur eine langgezogene, geduckte Scheune aus Lehmwänden, ein strohgedecktes Haupthaus mit hübschem Fachwerk und weiß verputzten Wänden sowie ein paar Nebengebäude. Der Misthaufen war verwaist, der Hahn hatte sich längst vor der Sonne in Sicherheit gebracht und wartete im Schatten auf den lauen Abend.

Auch auf dem Hof war alles still. Niemand schien unterwegs zu sein, nur Grant konnte es nicht lassen und hatte auf seine Mittagspause verzichtet, um den Zaun vom Schweinegehege wieder in Ordnung zu bringen. Das alte Holz war mal wieder an einigen Stellen so morsch, dass die Schweine am Morgen ausgebrochen waren. Es hatte den ganzen Morgen gedauert, bis alle zwölf Tiere wieder im Stall zusammengetrieben waren.

Jetzt war sich Grant sicher, ein Geräusch gehört zu haben, doch es war hinter ihm. Etwas Warmes berührte sein Hand und er zuckte zusammen. Ein kleines Mädchen sah ihn mit großen Augen an.

Emelie“, lachte er und nahm sie auf den Arm. Sie war der einzige Mensch, der Grant zum Lachen bringen konnte. „Was möchtest du von mir?“

Das Kind lachte zurück. „Was machst du denn?“, fragte es, ohne auf Grants Frage einzugehen.

Ich beobachte den Horizont. Ich glaube, irgendetwas kommt auf uns zu. Kannst du etwas erkennen?“

Emelie beschattete ihre Augen mit der Hand und blickte angestrengt in die Ferne. Dann schüttelte sie den Kopf.

Mama sagt, du sollst reinkommen zum Essen“, verkündete sie plötzlich. Grant lachte wieder.

Na gut, mein kleiner Schatz“, entgegnete er, „dann müssen die Schweine wohl doch noch ein wenig warten, bis sie wieder hinaus können.“

Dann ging er mit dem Kind an der Hand ins Haus, doch kaum, dass sie das dunkle Innere des alten Gebäudes betreten hatten, erzitterte die Erde leicht. Es hörte jedoch sofort wieder auf. Grant runzelte die Stirn und sah Martha fragend an, die aus der Küche gelaufen kam. Kurz darauf blickte auch ihr Mann Elin aus der Küche und ließ wachsam seinen Blick durch den Raum gleiten. Es war wie immer. Der aus grobem Holz geschnitzte Tisch mit seinen sechs Stühlen, die uralte Kommode, verblichene Bilder an der Wand, die durchhängende Holzdecke, an der die Petroleumlampe befestigt war. Sonst nichts.

Wieder erzitterte der Boden, ein dumpfes Grollen war zu hören, dann wurde es draußen plötzlich dunkler. Elin hastete zum nächsten Fenster und blickte hinaus.

Zu seiner Frau gewandt, sagte er: „Martha, es ist soweit.“

Jetzt schon?“, gab sie entsetzt zurück. „Emelie ist noch so jung und wir haben nicht...“

Dafür ist keine Zeit“, unterbrach sie Elin. „Es ist, wie es ist. Sie wird es verstehen, irgendwann.“ Er schluckte und ergänzte dann: „Das Schattenfeuer.“

Wir nehmen sie mit.“ Martha zeigte auf ihre Tochter.

Du weißt, dass das nicht geht. Ihr droht hier keine Gefahr, lass uns verschwinden. Wir haben kaum noch Zeit!“

Martha seufzte, streifte sich ihre Schürze ab, eilte auf Emelie zu und hob sie hoch. „Mein süßer, lieber, kleiner Schatz. Ich hatte gehofft, dass wir noch einige Jahre haben. Nun ist es anders. Ich liebe dich über alles! Merke dir nur diesen einen Satz: IN DEINEM SPIEGELBILD WIRST DU EINES TAGES DEINE MUTTER SEHEN: DANN FOLGE DEINEM HERZEN!“

Mit Tränen in den Augen blickte sie den Knecht an. „Pass gut auf sie auf, Grant“, flüsterte sie mit zitternder Stimme. Elin kam, drückte das Kind und den Knecht, sah Grant in die Augen und sagte nur: „Du weißt, was zu tun ist. Ich verlasse mich auf dich.“ Er strich Emelie noch einmal über den Kopf, dann hasten sie in den hinteren Teil des Hauses. Ein Summen und Knistern ertönte, das immer lauter wurde und schließlich sogar das dumpfe Grollen von draußen übertönte. Dann gab es einen Knall und alles wurde ruhig. Grant sagte kein Wort, sondern ging mit Emelie an der Hand nach draußen. Das Mädchen weinte und drückte sich eng an ihn. Um den Hof herum hatten Panzer, Hovercrafts und einige Flammenkanonen Stellung bezogen. Graue Wolken waren aufgezogen, vielleicht war es auch der Staub, den die Fahrzeuge aufgewirbelt hatten an diesem heißen Sommertag, die Sonne war jedenfalls nur noch ein matt schimmernder Kreis und die ganze Welt schien hinter einem Vorhang verschwunden zu sein.

Es ist niemand sonst hier!“, schrie Grant gegen den Motorenlärm an. „Wir sind ganz allein!“ Einer der Hovercrafts flog über den zerstörten Schweinestall, landete im Hof und die Tür öffnete sich. Ein elegant gekleideter, weiß uniformierter junger Mann stieg heraus und sah sich um. „Unsere Scans haben in der Tat ergeben, dass hier nur zwei Menschen sind. Allerdings haben wir Partikelspuren weiterer Menschen geortet, die vor wenigen Minuten noch hier gewesen sein müssen. Wo sind sie?“

Technokraten!“ Grant spuckte auf den Boden. „Was wisst ihr schon?“

Beinahe alles“, lächelte der Mann unbeeindruckt zurück. „Aber leider ganz offensichtlich trotzdem noch nicht genug.“ Er nickte in Richtung des Wohnhauses. „Sind die beiden durch ein magisches Portal verschwunden?“

Grant blickte sein Gegenüber fest an. „Ich kenne keine magischen Portale“, sagte er leise.

Natürlich nicht“, antwortete der Uniformierte. „Sie haben zehn Minuten, Ihre wichtigsten Habseligkeiten aus dem Haus zu holen. Dann wird dieser Hof hier vernichtet. Beeilen Sie sich.“

Als wenig später die Hovercrafts mit ihren zwei neuen Passagieren Grant und Emelie in die Luft stiegen, ließen sie hinter sich nichts als völlige Verwüstung zurück. Der Hof, auf dem Emelie die fünf Jahre ihres bisherigen Lebens verbracht hatte, existierte nicht mehr und nur noch ein schwarzes Loch in der Erde war übrig geblieben. Ein Rauschen ertönte im Cockpit, dann kam ein Funkspruch, den Grant und Emelie nicht verstehen konnten, aber die Antwort des Uniformierten konnten sie hören. „Ja, das verflixte Portal ist zerstört. Aber die Auswirkungen auf die Umwelt sind massiv gewesen, es muss jahrelang gestrahlt haben. Und es muss eine starke magische Abschirmung erzeugt haben, dass es so lange unentdeckt bleiben konnte. Wir haben zwei Menschen aufgenommen, sie sind nach ersten Scans stark kontaminiert. Wir werden sie zur Untersuchung nach Kapita bringen.“ Nach einer Pause ergänzte er noch: „Ja, nach der Auswertung der ersten Messwerte denke ich, dass wir es hier mit einem sehr mächtigen Schattenfeuer zu tun haben. Das Portal führte eindeutig nach Nurmana und es ist einfach verschwunden, obwohl das technisch unmöglich ist.“

Dann drehte sich der Mann zu Grant und dem Mädchen um und sagte: „Sie wissen gar nicht, was Sie für ein Glück hatten! Noch wenige Monate Strahlung, und wir hätten Ihnen nicht mehr helfen können. Diese Magie ist ja eine ganz nette Sache, wenn man denn wüsste, welche Kräfte man da entfesselt. Leider wissen diese Magier das meist nicht. Aber machen Sie sich keine Sorgen, unsere Ärzte kriegen das schon wieder hin.“

Grant schüttelte wortlos den Kopf und nahm Emelie in den Arm. „Wo sind Mama und Papa?“, fragte sie verschüchtert.

An einem sicheren Ort“, antwortete Grant leise. „An einem weit entfernten, sehr sicheren Ort.“

 

 

Erstes Kapitel

Maru

 

 

Neun Jahre waren vergangen seit dem Tag, an dem Emelie ihre Heimat verloren hatte. Sie hatte ihre Eltern niemals wieder gesehen und war im staatlichen Alanta-Heim in der Nähe der Hauptstadt Kapita aufgewachsen.

Grant hatte wieder Arbeit gefunden, ein Gärtnereibetrieb in der Nähe, und er kam sie oft besuchen. Anfangs wollte sie bei ihm bleiben. „Ein alter Mann und ein kleines Mädchen, so ganz allein, wie soll denn das gehen“, hatte er damals gesagt, „ich muss doch arbeiten gehen, ich bin den ganzen Tag weg und kann mich nicht um dich kümmern.“ Emelie hatte geweint, doch sie war ein verständiges Mädchen und hatte es gut in dem Heim. Außerdem kam Grant, mindestens zwei Mal in der Woche, und alles war gut. Fast alles – denn ihre Eltern hatte sie nicht vergessen.

Und in den neun Jahren hatte sie nichts unversucht gelassen, etwas über ihr Schicksal herauszufinden, aber sie traf immer nur auf eine Mauer des Schweigens. Erst jetzt, genau neun Jahre nach den Vorfällen auf ihrem Heimathof, sollte sich dies endlich ändern. Wieder kam ein Neuer ins Heim, und ihre Schicksale ähnelten sich. Auch dieser Junge, nur wenig älter sie selbst, musste sich einer umfassenden Strahlenbehandlung unterziehen. Er bekam das Einzelzimmer im Kellergeschoss, das auch Emelie für zwei lange Monate bewohnen musste, isoliert von allen anderen und nur besucht von Menschen in dicken Strahlenschutzanzügen. Maschinen, Lichteffekte, Spritzen. Auch wenn der Junge von allen abgeschirmt wurde und ihn niemand bereits von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte – im Heim verbreiteten sich Gerüchte schneller als digitale Datensignale. Alle ihre Erinnerungen kamen wieder in Emelie hoch, so als wäre es gestern gewesen: Sie musste sich ausziehen, duschen (das hatte sie noch nie im Leben gemacht; zu Hause war sie immer in eine Badewanne gesetzt worden) und in eine seltsame Röhre legen, die leise summte. Sie musste bittere Medizin nehmen und ihre Haare wurden geschoren, mehrmals sogar. Ihren sechsten und auch noch ihren siebten Geburtstag feierte sie als Glatzkopf. Auch jetzt reichte ihre Haar, das sie früher gern so lang getragen hatte, gerade einmal bis zu den Ohren.

Unwillkürlich fuhr sich Emelie über die Haare. In ihrem Zimmer hatte sie keine Mütze auf, sonst eigentlich immer, weil sie sich so schämte. Als kleines Mädchen hatte sie so schöne Haare gehabt. Und jetzt diese Kurzhaarfrisur, schrecklich. Aber nur so ist sie gesund geworden, so wurde es ihr immer und immer wieder erklärt. Und tatsächlich fühlte sie sich gut, es ging ihr gut und hätte vielleicht immer so weiter gehen können – wenn nicht an diesem schicksalhaften Tage Maru in ihr Heim gekommen wäre.

 

Emelie saß im Magieunterricht ganz hinten. Nicht, weil es sie nicht interessierte, schließlich verdankte sie der schwarzen Magie ihr Martyrium von Dekontaminierungen über Jahre hinweg, sondern im Gegenteil, weil sie fand, dass es niemanden anging, wie stark sie emotional berührt war, denn es verging keine Stunde, in der sie nicht an ihre Eltern denken musste.

Mittlerweile wusste Emelie eine Menge über schwarze Magie. Sie wusste, dass diese Magie schon vor tausenden von Jahren entdeckt und angewendet wurde. Archäologen haben in steinzeitlichen Höhlen Reste magischer Strahlung gemessen. Anhand der Zerfallsraten konnte man feststellen, dass die magischen Handlungen vor über 5.000 Jahren durchgeführt worden waren. Meist waren dies sehr einfache Rituale ohne große Wirkung gewesen, doch über die Jahrhunderte hatte die schwarze Magie immer weiter um sich gegriffen; einmal entfesselt, konnte sie nicht mehr gestoppt werden. Wer ihr verfiel, verfiel ihr im wahrsten Sinne des Wortes mit Haut und Haaren, entfremdete sich von der Welt, benutzte sie wie eine Droge, immer stärker, immer häufiger und immer rücksichtslos gegen sich und seine Umwelt.

Emelie musste wieder an ihre Eltern denken. Sie hatten ihr als kleines Mädchen niemals etwas von ihrem Hang zur Magie erzählt. Gewiss, sie bekam Geschichten vorgelesen mit magischen Wesen, mit Elfen und Zwergen, mit mächtigen Zauberern und dem Kampf von Gut gegen Böse. Doch das hatte sie für Kindermärchen gehalten und niemals gedacht, dass eine solche Welt wirklich existierte. Und vor allem, dass ihre Eltern ein Teil davon waren und ihr einziges Kind beinahe getötet hättet bei der Benutzung des magischen Portals, mit dem sie in die Zwischenwelt geflohen waren.

 

Emelie! Mädchen, träumst du?“

Sie schreckte auf. Der Lehrer hatte sie angesprochen und die ganze Klasse starrte sie an. „Kannst du wiederholen, was ich gerade gesagt habe?“ Der Lehrer verschränkte die Arme vor der Brust und kam auf sie zu. Emelie schüttelte den Kopf. Der Lehrer sagte: „Noch einmal, für die Träumer unter uns“ - die Klasse lachte - „schwarze Magie ist nicht immer gefährlich und todbringend. Sehr viele Menschen haben leider heute immer noch einen irrationalen, verklärten Blick auf die Welt der Magie. Wer von euch hat denn schon einmal ein Irrlicht gefangen oder zumindest gesehen?“ Fast alle in der Klasse meldeten sich. „Zum Lichterfest werden diese magischen kleinen Flugwesen gern gefangen und in Laternen herumgetragen. Ihr wisst ja, dass ihre Leuchtkraft viele Tage anhält, bevor sie eingehen, deshalb nimmt man sie viel lieber als Kerzen. Und ihr natürliches Licht ist viel schöner und angenehmer als das von elektrischen Leuchten. All dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass man sich hier wieder einmal Magie ins Haus holt, wo es eigentlich nicht notwendig wäre. Aber solche Gebräuche sind den Menschen schwer abzugewöhnen.“ Der Lehrer seufzte. „Immerhin sind diese Irrlichter nicht gefährlich. Wenn sie eingegangen sind, kann man sie einfach in den Müll werfen.“

Einer aus der Klasse meldete sich. „Ich fange die Irrlichter immer mit der Hand“, sagte er, „aber gibt es nicht bessere Methoden?“

Nun“, lachte der Lehrer, „dies hier ist kein Kurs zum Fangen von Irrlichtern. Aber kurz gesagt – ja, es gibt bessere Möglichkeiten. Du kannst sie anlocken, mit einem kleinen Glas Honig zum Beispiel. Den lieben sie, und dann bleiben sie daran kleben. Das funktioniert eigentlich immer.“

 

Nach dem Ende der Stunde ging Emelie gedankenverloren durch den großen Flur an den Therapiezimmern entlang. Eine Tür stand einen Spalt offen, und da sie sich genau dort hinkniete, um ihre Schuhe zuzubinden, konnte sie zufällig ein Gespräch belauschen, das hinter dieser Tür geführt wurde.

Der Junge ist gefährlich“, sagte ein Mann mit sehr dunkler Stimme.

Der Junge ist von Magie geschädigt, das ist alles“, entgegnete eine andere Stimme, die Emelie bekannt vorkam. Es war der Heimleiter.

Sie täuschen sich. Er ist richtiggehend besessen. Ich glaube nicht, dass die übliche Dekontaminierungsmaßnahmen hier anschlagen werden. Die Magie ist bereits in seinen Geist eingedrungen.“

Emelie hörte, wie Stühle geschoben wurden und huschte schnell davon. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Dieser magische Junge war also tatsächlich genauso wie sie! Den musste sie einfach sehen!

 

In der Nacht konnte Emelie nicht schlafen. Ständig musste sie an diesen Jungen denken, der ebenso wie sie aus einer magischen Umgebung kam. Ihr Entschluss stand fest. Vorsichtig schob sie die Decke zur Seite, setzte sich langsam auf und schlich aus dem Zimmer und durch das Heim, bis sie den Keller erreichte. Sie kannte den verbotenen Trakt nur zu gut, in dem auch sie lange untergebracht war. Am Anfang hielt immer jemand Wache und sie blickte vorsichtig um die Ecke, um zu sehen, wer Dienst hatte. Fast entwich ihr ein kleiner Freudenschrei – sie sah auf dem Stuhl vor dem kleinen Tisch, auf dem eine alte Lampe flackerte, den dicken Deen sitzen, dessen Kinn wie immer im Nachtdienst auf seine Brust gesunken war. Er schlief und war, das wusste sie von früher, so schnell nicht wieder aufzuwecken. Trotzdem klopfte ihr Herz bis zum Hals, als sie an ihm vorbei tapste und dann den Raum mit der Tür erreichte, hinter der sie Monate verbracht hatte. Sie schob die kleine Blende zur Seite und spähte durch das Sichtfenster hinein. Der Raum hatte sich nicht verändert und sah aus wie eine Gefängniszelle. Ein Notlicht brannte und erleuchtete den Raum schemenhaft. Auf der Pritsche lag tatsächlich jemand, doch sie konnte nichts erkennen, weil sich der Junge unter einer Decke verkrochen zu haben schien. Hinter der Türe war sie geschützt vor den magischen Strahlen, doch plötzlich reichte es ihr nicht mehr, einfach nur hier zu sein. Was sollte sie tun?

Dann komm doch herein“, sagte eine Stimme ganz leise. Erschrocken fuhr sie herum, doch da war niemand. Sie war ganz allein auf den notdürftig beleuchteten, kahlen Flur. Wieder schaute sie durchs Fenster. Jetzt saß jemand aufrecht im Bett, doch sie konnte nur Konturen erkennen.

Erschrecke dich nicht. Ich bin es, der dich ruft. Du kannst meine Stimme in deinem Geist hören, aber niemand sonst. Ich spüre, dass du dekontaminiert wurdest. Dir droht keine Gefahr, wenn du mir nahekommst. Zumindest solange es nur ein paar Augenblicke sind...“

Emelie versuchte, im Geist zu antworten. „Wie heißt du?“

Komm herein, und ich beantworte dir alle Fragen“, sagte die Stimme in ihrem Kopf. Sie meinte zu spüren, dass der Sprecher dabei lächelte. Vielleicht war es leichtsinnig, vielleicht war es verrückt – aber sie entschloss sich, es einfach zu tun. Sie öffnete die Türe, schob sich hinein und lehnte die Türe hinter sich wieder an. Wenn sie zufiel, war sie gefangen, weil sie nur von außen einen Griff hatte. Unschlüssig machte sie einen kleinen Schritt und blieb dann stehen. Was sollte jetzt geschehen? Das hatte sie sich nicht überlegt, vielleicht, weil sie angenommen hatte, eh nicht soweit zu kommen. Sie konnte doch schlecht „Hallo, wie geht's“ sagen.

Hallo, wie geht's“, sagte der Schatten, der auf dem Bett saß, und nun, da sie seine Stimme hörte, war sie nicht überrascht. Genauso hatte sie sich in ihrem Kopf angehört. Und nun hörte sie auch, dass er amüsiert klang. Und selbstsicher. Das verärgerte sie, weil sie sich nun wie ein kleines Mädchen fühlte, und das war das Letzte, was sie wollte. „Wie heißt du?“, wiederholte sie ihre Frage und klang dabei schroffer, als sie es eigentlich vorgehabt hatte.

Maru“, sagte ihr Gegenüber und deutete neben sich. „Setz dich doch, dann können wir ein bisschen plaudern. Wie heißt du denn?“

Emelie“, antwortete das Mädchen und rührte sich keinen Millimeter. Maru sog scharf die Luft ein, doch Emelie ignorierte das. „Bist du gefangen genommen worden?“

Ja“, nickte Maru. „Unser Haus wurde gestürmt, die meisten konnten fliehen, doch ich wurde im Schlaf überrascht. Ich sei stark kontaminiert, haben sie gesagt, und habe in letzter Sekunde gerettet werden können.“

Genau wie ich damals“, murmelte Emelie.

Das hatte ich schon vermutet“, entgegnete der Junge. „Du hast eine starke magische Aura.“

Nichts gegen deine“, sagte sie. „Ich habe bisher noch niemals jemanden getroffen, der im Geiste mit mir reden konnte.“

Ach das.“ Maru machte eine kleine Pause. „Eine nützliche kleine Eigenschaft, die mir geschenkt wurde. Ich vergesse manchmal, wie selten das ist. Ich hoffe, ich habe dich nicht allzu sehr erschreckt.“

Emelie schüttelte den Kopf. „Geht schon.“

Maru lachte. Es war ein warmes, sympathisches Lachen. Emelie mochte es sofort, doch er lachte sie aus. Augenblicklich hasste sie ihn.

Du lügst nicht gut“, sagte Maru. „Eine schöne Eigenschaft, wenn du mich fragst.“

Emelie verschränkte die Arme. „Das geht dich gar nichts an. Ich gehe jetzt wieder.“

Schade“, antwortete Maru, und ehrliches Bedauern klang in seiner Stimme mit. „Ich hatte gehofft, wir unterhalten uns noch eine Weile.“

Ich darf nicht zu lange deiner Strahlung ausgesetzt sein“, sagte Emelie. Das entsprach sogar der Wahrheit, auch wenn sie eine Ausrede suchte, sich dem Gespräch zu entziehen.

Glaubst du etwa an den Unsinn?“ Maru schüttelte den Kopf. „Da haben sie dir ja ganz schön den Kopf gewaschen.“

Wenn du nicht daran glaubst, warum hast du nicht die Chance zur Flucht genutzt?“ Emelie deutete auf die offene Türe hinter sich. Gleichzeitig jagte ihr der Gedanke einen kalten Schauer über den Rücken und ihr Herz drohte, aus der Brust zu springen, als ihr auffiel, dass sie ihn damit vielleicht erst auf die Idee gebracht haben könnte. Warum musste sie nur immer erst reden und dann denken?

Wieder schüttelte Maru den Kopf. „Das wäre nicht richtig“, sagte er nur. „Ich muss vorerst hier bleiben.“

Emelie zuckte mit den Schultern und wollte nun wirklich schnell wieder in ihr Zimmer zurück. „Bis dann“, sagte sie nur kurz, schlüpfte durch die Türe und verschloss sie wieder sorgfältig von außen.

In dieser Nacht schlief sie unruhig und träumte wild und viel durcheinander. Sie sah ihre Eltern, ein magisches Portal, magische Rituale und über allem, hinter allem, in allem immer Maru, der lachte und mit dem Kopf schüttelte und egal was sie machte, sie hatte immer den Eindruck, alles falsch zu machen.

 

 

Zweites Kapitel

Reformen

 

Im Unterricht am nächsten Morgen war Emelie sehr müde. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab und sie musste an ihre Erlebnisse der vergangenen Nacht denken.

Doch sie nahm sich vor, sich zu konzentrieren, denn heute stand im Magieunterricht ein Thema, das sie aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit brennend interessierte, auf dem Programm, und sie konnte es kaum erwarten, dass die erste große Pause vorbei war und der Unterricht begann.

Nach der Begrüßung fuhr der Lehrer den Beamer hoch und klickte ein paar Mal, bis das gewünschte Bild auf der Projektionsfläche hinter ihm erschien. Ein Baby war darauf zu sehen, daneben ein Kleinkind und dann ein Kind im Alter von ungefähr zehn Jahren.

Welches dieser Kinder ist auf jeden Fall magisch?“, fragte er die Klasse. Alle sahen sich verwundert an. Konnte man das etwa den Kindern einfach so ansehen?

Auch Emelie strengte sich an und überlegte, ob es magische Merkmale gebe. Sind Augen, Mund oder Finger anders? Gibt es Veränderungen der Haut (wie bei Hexen in Märchen, die alle irgendwo eine Warze oder ein Muttermal tragen), die ein untrügliches Zeichen sein könnten? Emelie wusste es nicht und auch die anderen in der Klasse zuckten mit den Schultern.

Der Lehrer lächelte.

Das habe ich mir gedacht.“ Er zeigte auf das Baby. „Dieses Kind hier. Und ich sage euch auch, warum. Bei der Geburt ist jedes Kind“ – er betonte die letzten beiden Worte sehr intensiv – „magisch!“

Erstauntes Gemurmel erhob sich in der Klasse.

Ganz richtig“, fuhr er mit erhobener Stimme fort, „auch jeder von euch hat eine magische Vergangenheit!“

Für Emelie war das nichts Neues, aber die meisten in ihrer Klasse hatten mit Magie noch nie viel mehr zu tun gehabt als ab und zu ein Irrlicht zu fangen oder in geheimen Freundeskreises Geisterbeschwörungen durchzuführen, die aber alle an mangelnden Kenntnissen scheiterten und nur einen bescheidenen Gruselfaktor aufzuweisen hatten.

Doch, wenn sich Emelie das Ganze richtig überlegte, hatte sie bis zu dem Tag, an dem sie von dem magischen Portal erfuhr, das ihre Eltern benutzt hatten, auch niemals bewussten Kontakt zur Magie gehabt.

Beim Baby“, setzte der Lehrer nun seinen Vortrag fort, „steckt unsere Forschung noch in den Kinderschuhen. Weil wir keine direkte Kommunikationsmöglichkeit haben, da uns das Baby nicht mitteilen kann, was in seinem Kopf vorgeht, sind wir auf Vermutungen und Messung der Gehirnströme angewiesen. Viel besser allerdings“, er klickte auf das nächste Bild, das ein etwa dreijähriges Mädchen zeigte, das inmitten einiger Spielsachen saß, „sind wir bei Kleinkindern über ihr magisches Potential informiert.“

Der Lehrer deutete auf eine Puppe und ein paar Bauklötze, mit denen das Kind gerade spielte.

Obwohl es vom Verstand her in der Lage ist, die Bauklötze auch als solche zu erkennen, verlässt das dreijährige Kind diese Ebene der Erkenntnis.

Stattdessen sind diese Bauklötze in einem Moment ein Puppenhaus, dann wieder ein Geschäft und später ein Wald, in dem man spazieren geht.“

Er zeigte das nächste Bild, wieder das kleine Kind, das diesmal im Sandkasten saß und in die Kamera lächelte.

Hier bietet uns das Mädchen einen 'selbstgebackenen' Kuchen an. Selbstverständlich ist er aus Sand und ebenso selbstverständlich ist, dass das Kind dies weiß. Trotzdem wird es bitter enttäuscht sein und viele Tränen vergießen, wenn wir diesen Kuchen nicht essen und 'sehr lecker' finden.

Dieses Verdrängen von verstandesmäßiger Erkenntnis und das Flüchten in nicht reale Welten – das ist der schädliche Einfluss der Magie, die in jedem von uns angelegt ist.

Die Erziehung hat also von Anfang an die Aufgabe, diesen Einfluss zu unterbinden. Wir müssen sagen:

'Nein, das ist kein Wald zum Spazieren gehen. Das sind Holzklötze.'

Oder: 'Nein, man kann diesen Kuchen nicht essen. Er ist aus Sand.'

So lernt das Kind mit der Zeit, sich von der Umklammerung der Magie, die die Sinne vernebelt, zu lösen und schafft den Sprung in unsere Welt.“

Nun zeigte er das Bild eines älteren Jungen.

Im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren ist es dann normalerweise soweit, dass wir von einem 'gereinigten Geist' sprechen können. Die Magie ist vollkommen aus dem Geist heraus gedrängt und nur noch der Verstand existiert. Wir haben das Kind gerettet und es ist nun in der Lage, unsere Welt zu begreifen, sich anzueignen, sie zu verändern und nach seinem Bedürfnissen zu gestalten.

Deshalb geben wir den Kindern jetzt mehr Eigenverantwortung, sie dürfen zum Beispiel alleine unterwegs sein – manche früher, manche später – weil wir sicher sind, dass sie wieder nach Hause kommen und nicht irgendwelchen magischen Eingebungen folgen, die sie verwirren.“

Der Lehrer ließ seinen Blick über die Klasse schweifen, bis er an Emelie hängen blieb.

Dann gibt es natürlich noch Ausnahmen wie unsere Emelie, die magisch stark kontaminiert ins Heim kam, als sie fünf Jahre alt war. Das Bösartigste an Strahlenkrankheiten wie der Schwarzen Magie ist, dass die Betroffenen gar nichts davon merken.

Oder hast du dich irgendwie unwohl gefühlt, Emelie? War dir schwindelig, warst du geschwächt, war dir übel oder hattest du sonst irgendein körperliches Problem, als du ins Heim kamst?“

Emelie schüttelte den Kopf und biss die Lippen zusammen. Sie sprach nicht gern über diese Zeit.

Seht ihr“, fuhr der Lehrer fort, „und obwohl sie sich vollkommen gesund fühlte, musste sie Monate und Jahre der Dekontamination über sich ergehen lassen. Und es ist ein Beweis für Emelies Kraft und Charakterstärke, dass sie den behandelnden Ärzten und Pflegern dies niemals übel genommen hat, dass sie gelernt hat, mit diesem Nachteil zu leben und hart daran gearbeitet hat, den Anschluss an einen altersgemäßen Stand zu bekommen. Heute würde niemand mehr bei Emelie vermuten, dass sie eine solche Vorgeschichte hatte, und ich persönlich finde, dass du stolz darauf sein kannst, Emelie, was du geleistet hast!“

Einige in der Klasse nickten anerkennend, doch Emelie wünschte sich nur, dass die Stunde endlich vorbei war und sie aus dieser Situation flüchten konnte. Es berührte sie und machte sie stolz, dass der Magielehrer so gut von ihr dachte, das hätte sie gar nicht erwartet. Doch dass sie jetzt so rot wurde, lag eher daran, dass sich eine ungeheure Wut, die so lange in ihr aufgestaut war, mit einem Mal entlud.

Wie hatten ihre Eltern ihr dies antun können? Und nicht nur, dass sie die Verstrahlung zu verantworten hatten, danach hatten sie sie auch im Stich gelassen! Ein kleines Mädchen, ganz allein in der großen Welt, die sie nicht kannte, weil sie auf dem alten Hof weit weg von jeder Technik aufgewachsen war!

Diese Wut trug Emelie den ganzen Tag in sich, auch als sie am Nachmittag mit ihren Zimmergenossinnen auf dem Bett saß und sie Radio hörten.

Der Jugendsender, den sie meistens einstellten, brachte immer um 17.00 Uhr ausführliche Nachrichten des Tages, und weil sie alle zu faul waren, um aufzustehen, hörten sie sich die Nachrichten einfach schweigend an.

Hauptmeldung war allerdings eine ziemliche Sensation, die gut zum heutigen Thema im Schulunterricht passte, und so waren die Mädchen plötzlich sehr hellhörig.

Der oberste Senat hat heute beschlossen“, so tönte es aus dem Lautsprecher, „dass eine Reihe neuer Anti-Magie-Gesetze im nächsten Monat in Kraft treten werden. Kern dieser Gesetze ist das vollständige Herausdrängen der Magie aus unserer Lebenswelt.

Ursachen für die überraschende Initiative des obersten Senats sind eine Häufung von magischen Zwischenfällen in den letzten Monaten, die einige Menschenleben gekostet haben und die staatliche Sicherheit ernsthaft gefährden.

Ab dem nächsten Monat ist es deshalb unter anderem verboten, geschäftlichen Kontakt zu Menschen zu halten, die magische Dienstleistungen anbieten.

Das Anbieten dieser Dienstleistungen wird ab diesem Zeitpunkt genauso unter Strafe gestellt.

Ab dem nächsten Jahr wird es eine verpflichtende jährliche Gesundheitsuntersuchung geben, die das magische Potential jedes Menschen ab dem zwölften Lebensjahr feststellt. Bei Bedarf wird eine Kur verordnet, die magische Elemente beseitigen soll. Wer sich diesen Maßnahmen widersetzt, muss mit Gefängnis und Zwangsdekontamination rechnen.“

Die Mädchen sahen sich erstaunt an. Das hörte sich nach einer ernsthaften Krise an.

Aylin fragte: „Was ist denn da passiert?“

Mensch, weißt du denn gar nichts?“, entgegnete Laura. „Es gab immer wieder Überfälle auf Einheiten der Technokraten. Man sagt, es habe sich eine Untergrundorganisation gebildet, die unseren Staat bekämpft! Oft sind magische Portale aufgetaucht und sofort wieder verschwunden, anscheinend mit dem einzigen Zweck, große Gebiete zu verstrahlen und unbewohnbar zu machen. Das kann dir doch nicht entgangen sein!“

Natürlich nicht“, schwächte Aylin ab, „aber das war mal irgendwann, irgendwo. Ich wusste nicht, dass das so schlimm war.“

Nicht war, Aylin“, mischte sich Emelie ein. „Es IST schlimm. Und ich habe Angst, dass ich all das, was ich schon mal durchgemacht habe, erneut durchmachen muss. Ich habe Angst, dass das nie ein Ende nimmt! Und ich WILL, dass es endlich zu Ende ist! Ich will doch nur ein ganz normales Leben führen!“

Sie schluchzte und eine Träne drückte sich ihre Wange entlang. Wütend wischte Emelie sie weg. Die anderen sollten ihre Schwäche nicht sehen.

Plötzlich ertönte ein schäbiges, kratzendes Lachen. Emelie blickte erschrocken zu den beiden Mädchen, doch die zuckten nur die Schultern.

Wir waren das nicht“, sagten beide im Chor.

Wieder ertönte das Lachen, dann fiel etwas im Zimmer um und es stank auf einmal fürchterlich.

Ein Hauskobold!“, riefen die Mädchen gleichzeitig.

Na warte, dich kriegen wir“, zischte Aylin. „Das hat uns gerade noch gefehlt heute. Wir haben in der Schule gelernt, wie man Kobolde fängt, du entkommst uns nicht!“

Laura stellte sich an die Türe und verschloss sie, Emelie hastete zum Fenster und Aylin nahm den Besen, der in der Ecke stand, und stocherte damit unter ihrem Bett herum. Auf den Knien kroch sie dann zum nächsten Bett und schließlich zum dritten, doch der Kobold war flink und entwischte hinter einen Schrank. Die drei Mädchen sahen sich an, nickten sich zu und warfen sich dann alle drei mit Wucht gegen den Kleiderschrank, der dadurch an die Wand krachte.

Ein schriller Schrei ertönte, gefolgt von einem wimmernden Heulen, und als die Mädchen den Schrank von der Wand wegrückten, lag dort ein hässlich grüner kleiner Kobold, ungefähr so groß wie ein Schulheft, blutüberströmt und mit heftig pumpendem Brustkorb. Aylin stieß ihn mit dem Besenstab an.

Steh auf, du hässliches Ding“, rief sie, „ich hab doch gesagt, wir kriegen dich!“

Der Kobold rührte sich nicht. Wieder stieß Aylin den Kobold mit dem Besenstab, diesmal so heftig, dass er keuchte.

Bestimmt hat er schon das ganze Zimmer versaut“, fluchte Laura und rückte ihr Bett zur Seite, um dahinter nachzusehen.

Natürlich!“, rief sie kurz darauf. „Es stinkt bestialisch! Dieses Mistding!“

Aylin trieb mit kurzen Schlägen den schwer verwundeten Kobold hinter dem Schrank hervor. Dieser fauchte immer noch, obwohl ihm anzusehen war, dass er immer schwächer wurde. Die drei Mädchen stellten sich im Kreis um ihn herum.

Werden Kobolde denn ab nächsten Monat auch verboten?“, fragte Laura verächtlich.

Geht wohl schlecht“, antwortete Emelie.

Dann müssen wir uns halt drum kümmern, dass es wenigstens einen weniger gibt!“, rief Aylin.

Emelie runzelte die Stirn.

Was willst du denn schon machen? Er ist ein Plagegeist, zugegeben, aber was meinst du, sollen wir tun?“

Ich habe eine Idee!“

Laura lief zu ihrem Schrank und holte eine alte Kiste aus stabiler Pappe hervor.

Wir fangen ihn erst einmal damit ein! Ich fasse das eklige Ding jedenfalls nicht an!“

Die anderen waren einverstanden und der verletzte Kobold ließ sich ohne große Gegenwehr in die Kiste schieben.

Aylin setzte den Deckel drauf und schüttelte die Kiste dann heftig. Laura und sie lachten, als sie hörten, wie der Kobold wimmerte. Dann klebten sie den Deckel sorgfältig zu und warfen die Kiste an die Wand, mit voller Wucht auf den Boden und schüttelten sie immer wieder durch.

Emelie stand stumm daneben und besah sich das Ganze zweifelnd. Was versprachen sich die Mädchen davon? Fast tat ihr der Plagegeist sogar Leid, obwohl sie wusste, dass dies die falsche Empfindung war. Sämtliche Plagegeister mussten ausgerottet werden, sie waren die Geißel der Magie für die einfachen Menschen. Aber hatte nicht auch ein Kobold Gefühle?

Irgendwann kamen keine Töne mehr aus dem Inneren der Box.

Vorsichtig öffneten die Mädchen den Deckel und sahen hinein. Der Kobold hatte die Augen geschlossen und atmete nur noch flach.

Aylin lief zum Fenster und öffnete es. Vom dritten Stock aus, in dem ihr Zimmer lag, hatte man einen herrlichen Blick über die Parkanlagen neben dem Heim. Sie aber sah nur nach unten und deutete mit der Hand dorthin.

Werfen wir ihn aus dem Fenster!“, schlug sie vor.

Laura nickte begeistert und die beiden kippten die Kiste aus. Der Kobold fiel nach unten und schlug dumpf auf dem Boden auf, wo er regungslos liegenblieb.

Kommt“, sagte Aylin leichthin, „räumen wir das Zimmer auf und machen sauber.“

 

Am Abend schlich sich Emelie noch einmal aus dem Haus und ging in den Park, der unterhalb ihres Zimmers lag.

Sie war neugierig, ob der Kobold noch dort lag oder ob er den Sturz doch überlebt hatte. Kobolde, so hatten sie in der Schule gelernt, waren sehr zähe Geschöpfe und nicht leicht zu töten.

Tatsächlich war die gepflasterte Fläche unter dem Fenster ihres Zimmers leer, aber man sah Blutspuren, die zu einem nahen Busch führten. Vorsichtig folgte ihnen das Mädchen und drückte ein paar Zweige zur Seite.

Erschrocken fuhr sie zurück. Unter dem Busch lag der Kobold! Doch ihre Neugierde siegte und sie sah noch einmal nach. Er bewegte sich nicht. Emelie strengte sich an, in der Dämmerung so viel wie möglich zu erkennen. Atmete er noch? Es sah nicht so aus.

Nach einer Weile war sie sich ziemlich sicher, dass der Kobold tot war.

Irgendwie kam es ihr nicht richtig vor, ihn dort liegen zu lassen.

In der weichen Erde grub sie mit bloßen Händen eine kleine Grube aus, nahm dann zwei schwere Äste, weil sie den Kobold nicht anfassen wollte (war wäre, wenn er sich nur tot stellte und ihr in den Finger biss? Blutvergiftungen, die von magischen Wesen herrührten, konnten leicht tödlich enden) und schob ihn vorsichtig bis zu der Grube. Sie ließ ihn hineingleiten und schaufelte dann wieder Erde darüber.

Das Zeichen der Technokraten, der Kreis mit einem Kreuz darin, eigentlich auf jedem Grabstein vorhanden, kam ihr unpassend vor für das Grab eines magischen Wesens.

Sie überlegte, was sie besser auf den Erdhügel legen konnte, und entschied sich dann für den Drudenfuß. Dieser fünfzackige Stern, Bannzeichen gegen das Böse, schien ihr als magisches, aber positives Symbol bestens geeignet. Sie legte die fünf Spitzen aus kleinen Zweigen.

Als Emelie den letzten Zweig gelegt und den Drudenfuß damit vollendet hatte, war es ihr, als ertönte von weit her eine leichte, trotzdem aber melancholische Melodie.

Kurz darauf tanzten ein paar Irrlichter, die bei fortschreitender Dämmerung gern aus ihren Verstecken kamen und durch die Luft schwirrten, über dem Grab.

Emelie setzte sich hin und sah ihrem Tanz eine Weile lang schweigend zu. Dann streckte sie ihre Hand aus und wischte langsam durch den Reigen der schwirrenden Lichtflügler. Eines der Wesen setzte sich dann sogar kurz auf ihre Hand, als Emelie diese ganz still hielt, bevor es weiterflog.

Die Melodie verklang in dem Moment, als irgendwo oben im Heim ein Fenster zugeschlagen wurde. Die Irrlichter ergriffen die Flucht und der Moment war vorbei.

Emelie rappelte sich auf, klopfte den Dreck von ihren Sachen und ging ins Heim zurück.

 

 

 

Kurzgeschichten

Liebe auf Zeit

(3. Platz beim Moerser Literaturpreis 2012)

 

Die Sonne strahlt durch die Jalousien in das Schlafzimmer. Er liegt neben mir im Bett und atmet ruhig.
Ich liebe diese stillen Momente am Morgen danach.
Gestern Nacht sind wir noch auf einer wilden Reise gewesen. Wir standen an den Klippen, sturmumtost, dort, wo es zur endgültigen Entscheidung kam. Unsere Welt war reduziert auf diesen Augenblick, diese Situation. Ich erschauere noch bei dem Gedanken daran, wie er mich mit beiden Händen festhielt und zu mir herabblickte. Eine Träne stahl sich in einem unbemerkten Moment aus seinem Auge, rann ihm über die Wange und fiel auf mich. Ich fing sie auf und schloss sie ein in mir.

Jetzt ist alles vorbei. Ich weiß, dass es nun aus ist. Es ist keine Überraschung, er hat niemals etwas anderes gesagt. Mir keine falschen Versprechungen gemacht. Selbst als er mir sanft über den Rücken streichelte, was ich so sehr mag, wusste ich, dass es eine Liebe auf Zeit ist, nicht mehr.
Ich habe gelernt, dankbar zu sein für schöne Zeiten, auch wenn sie niemals von Dauer sind. Dankbar bin ich auch dafür, immer wieder neue Menschen kennen zu lernen, zu sehen, wie sie wohnen, was sie essen und was ihnen Freude bereitet. Ich bin immer stolz, wenn ich ein wenig dazu beitragen kann - zur Freude, zur Unterhaltung, zum persönlichen Lebensglück. Das ist meine Bestimmung, und ich kann leben damit. Eigentlich sogar ganz gut.

Man lernt Menschen kennen, die man sonst niemals getroffen hätte. Zuerst hatte ich noch sehr elitäre Vorstellungen. Ich dachte, ich sei etwas ganz Besonderes, Begehrenswertes und würde zu einem Hochschulprofessor passen, zu einem berühmten Architekten oder dem angesehensten Schönheitschirurgen. Als schmückendes Beiwerk, selbstverständlich, als mehr nicht, aber immerhin.
Doch so kam es nicht - ganz andere Menschen interessierten sich für mich. Und je mehr Enttäuschungen ich erlebte, desto mehr fand ich zu mir. Desto mehr war ich mir meines Wertes, meiner Einzigartigkeit bewusst. Wie konnte ich so unfassbar verirrt sein, mich über den angeblichen Status eines anderen zu definieren? War ich nur wer, wenn ich mit jemandem zusammen gesehen wurde, von dem man annahm, dass er ein Jemand war?
Ich habe gelernt, dass genau diese Menschen sich in der Regel nicht für mich interessieren. Dabei habe ich doch so viel zu sagen! Schmerzlich habe ich erfahren müssen, dass genau das das Problem ist. Diese Menschen glauben, selbst genügend zu sagen zu haben. Sie sind sich selbst einzigartig und begehrenswert genug, sie genügen sich und damit genügten sie mir irgendwann nicht mehr.
Welch ein Befreiung war diese Erkenntnis!

Endlich konnte ich mich den Menschen zuwenden, die meiner bedurften, weil sie sich selbst nicht zum Maß aller Dinge machten. Sie hörten auf mich und ich konnte meine Aufgabe erfüllen.
Meine Aufgabe nämlich, schöne Momente zu schaffen.
Es ist wunderbar, mit einem Menschen allein zu sein. Zu wissen, dass er sich jetzt Zeit nimmt für mich, mir zuhört und den Rest der Welt vergisst.
Wenn alles so läuft, wie ich es mir wünsche, machen wir eine Reise in eine andere Welt. Wir berauschen uns an fremden Farben, Gerüchen, Eindrücken, die ich heimlich hinein bringe und erst offenbare, wenn er sich auf mich einlässt.
Ich gebe es zu, ich versuche immer, ihn zu verführen. Ich beherrsche zuerst die Macht des Wortes in Perfektion, umgarne seinen Geist, löse ihn vorsichtig, unmerklich aber unnachgiebig aus seiner Welt heraus und ziehe ihn in meine. Dann eröffne ich ihm diese Welt, an der er sich berauschen kann, in der er alles vergisst. Seine Wahrnehmung ist dann gestört, er bekommt nicht mehr mit, was um ihn herum passiert, doch er wehrt sich meist auch nicht dagegen.

Mein schlechtes Gewissen habe ich schon lange besiegt. Gewiss, manche Menschen waren sehr jung, als sie in meine Abhängigkeit gerieten. Ich trug die Schuld daran, dass sie nicht genug für ihren Abschluss taten oder ihre Freunde vernachlässigten, was halt passiert in solchen Situationen.
Sogar eine Ehe habe ich angeblich auf dem Gewissen, doch glaube ich heute fest daran, dass ich nur der letzte Stein einer großen Lawine war, die über diese armen Menschen hinwegfegte und dass sich auch ohne meine Anwesenheit die Ereignisse nicht anders zugetragen hätten. Die meisten Menschen, die es mit mir versuchen, wissen auch von meinen Machenschaften. Zumindest ahnen sie etwas davon und lassen sich trotzdem billigend darauf ein.Doch, mein schlechtes Gewissen habe ich wirklich besiegt, denn es ist zu einfach, mir die Schuld zu geben. Ich bin, wie ich bin, ich biete mich an und mache ebenfalls keine falschen Versprechungen. Wer mich will, will dies aus freien Stücken. Und wenn jemand mich will, entführe und berausche ich ihn, solange er es für richtig hält. Außerdem ist es niemals ein Weg ohne Wiederkehr.
Zurück bringt einen oft doch ganz Profanes - ein Klingeln, ein Geruch oder eine plötzliche Berührung aus der anderen Welt.

Mit einem anderen Komplex habe ich aber noch immer zu kämpfen: Viele finden, ich sei zu dick. Sie sehen mich dann an, weil ich sie fasziniere, aber dann schrecken sie doch vor mir zurück. Ich frage mich immer, warum das allein ausschlaggebend sein soll. Auch hier musste ich erst lernen, dass viele Menschen furchtbar oberflächlich sind und sich eben auch an Oberflächlichkeiten orientieren. Erst die, die hinter die Fassade schauen, erkennen irgendwann - manche zum Glück sehr schnell - was sie an mir haben.
Wenn diese Menschen es dann mit mir versuchen, habe ich schon oft erlebt, dass das, was sie zuerst verschreckte, immer mehr in den Hintergrund rückt. Es ist nicht mehr wichtig, andere Dinge zählen, wirklich wichtige Dinge.

Neben mir regt sich jetzt etwas. Er stöhnt im Schlaf, dreht sich noch einmal um und zieht die Decke über den Kopf.
Meist machen wir es im Bett. Warum eigentlich? Was fasziniert die meisten Menschen daran? Natürlich haben mich manche auch mit ins Wohnzimmer oder in die Küche genommen. Auch die Badewanne ist noch recht beliebt. Ich finde nicht, dass es auf den Ort sonderlich ankommt, wenn man sich doch eh sehr bald auf andere Dinge konzentrieren wird. Doch vielen meiner Partner ist es scheinbar wichtig und sie entscheiden sich dann für das Bett. Manchmal ist es sehr kurz, manchmal machen wir fast die ganze Nacht durch. Danach schlafen sie meist sehr schnell ein und lassen mich allein mit meinen Gedanken.
Die späten Abend- und die frühen Morgenstunden, das ist die Zeit meiner Gedanken. Hier bin ich für mich, denke über die Welt nach und versuche, sie mir so zu erklären, dass ich mit meinem Platz darin zufrieden bin. Meist klappt das schon ganz gut.

Nun wacht er langsam auf, dreht sich hin zu mir, öffnet dann mühsam die Augen. Als er mich sieht, lächelt er, aber es ist so viel Wehmut in seinen Augen. Ich kenne diesen Blick, der vom Wissen über das nahe Ende zeugt, gegen das ich mich auch dieses Mal nicht wehre. Zu sehr schmerzte es früher, als dass ich dies jetzt noch an mich heranlasse.
Manchmal wünsche ich mir, für immer bei jemandem zu bleiben.
Als ich noch unberührt war, begehrenswert, da hatte ich diese Träume oft. Doch ich bin nun schon durch viele Hände gegangen, das macht mich in den Augen der meisten unattraktiv.
Ganz aber habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann den Seelenpartner zu finden, der mich bei sich aufnimmt, mir einen dauerhaften Platz in seiner Wohnung, seinem Leben und seinem Herzen schenkt.
Vielleicht kommt auch irgendwann einmal jemand zu mir zurück. Jemand, der eventuell erst nach langem Ausprobieren zu erkennen vermochte, was er an mir hatte. Der mich nimmt, wie ich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen und meinem Vagabundenleben ein Ende macht. Ich habe gehört, dass man sowieso über kurz oder lang aussortiert wird - was passiert dann? Ist das der Moment, an dem ein neues Leben beginnt? Vielleicht mit ihm hier?
Er ist wirklich nett - gefühlvoll, ordentlich, gebildet und bescheiden.

Ich bin wieder allein, er ist aufgestanden und in die Küche gegangen, von der dieser verführerische Kaffeeduft nun bis zu mir hinüber weht. Noch einmal dieser Duft!
Ich merke, dass ich melodramatisch werde und ziehe mich schnell wieder in meine Welt zurück. Ich weiß, dass ich an diesem Ort und diesem Menschen nicht hängen darf. Wie sonst soll ich den Nächsten kennen lernen, neue Eindrücke gewinnen, einen weiteren Schritt gehen auf meinem langen Weg, die Welt zu erkunden?
Bei allem Abschiedsschmerz, ich könnte wohl doch niemals für immer an einem Ort verbleiben. So sehr ich auch manchmal glaube, die Sehnsucht danach zu verspüren, so freue ich mich doch viel zu sehr auf das nächste Abenteuer. Trotzdem ist das, was jetzt kommt, nicht schön.

Wir sind in die Stadt gegangen. Ich kenne den Weg, ich weiß wohin er führt, und viel zu schnell sind wir da.
Der Abschied ist kurz und furchtbar nüchtern.
Ich werde von groben Händen gepackt, gescannt, in einen großen Metallbehälter geworfen und wenig später dorthin zurückgebracht, wo ich hergekommen bin: Man stellt mich zurück zwischen all die anderen Bücher.

 

Bei Irina

 

Wir sind eingeladen zum Grillen, im Schrebergarten von Freunden.

Vor den Toren der Stadt, direkt am Fluss, die Sonne scheint, ein heißer Julitag.

Umarmungen, Glückwünsche, sie feiert Geburtstag.

 

Sie heißt Irina. Viele Glückwünsche sind auf russisch. Einer läuft mit einem Polska-Shirt herum und zapft großzügig Bier für die Neuankömmlinge. Dankend nehme ich an.

Es gibt Schaschlik, Salate, die Kinder spielen im Garten. Die Hühner sind aufmerksam und hoffen, vom Buffet etwas abzustauben.

 

Neben uns sitzt ein deutsch-russisches Paar. Die Kinder werden mal auf deutsch, mal auf russisch ermahnt oder gelobt. Es ist wie immer bei Irina.

Doch plötzlich zieht Moritz sein Smartphone und zeigt digitalisierte, alte Familienbilder. Eins brennt sich sofort bei mir ein – sein Großvater als junger Mann. Er blickt betont ausdruckslos in die Kamera, doch in seinen Augen kämpfen Stolz und Angst miteinander.

Er trägt eine Wehrmachtsuniform. Das Foto ist 1943 entstanden, am nächsten Tag kam der Marschbefehl. Ostfront.

Die Bahn fuhr nur teilweise. Nach Stalingrad war der deutsche Vormarsch ins Stocken geraten. Partisanen sabotierten die Bahnlinien, teilweise musste marschiert werden. Die Verpflegung funktionierte nicht gut, man musste die russischen Dörfer plündern, die auf dem Weg lagen. Die meisten liefen weg, Frauen, Kinder, Männer. Manche erschoss man auf der Flucht. Andere verteidigten ihren Gemüsegarten, arme Irre. Mit Spaten und Harke gegen die deutsche Wehrmacht. Sie wurden auch erschossen, die Frauen geschändet.

Moritz' Großvater hat Irinas Opa in die Augen geschaut. Und später, da hat auch er geschossen. Auf den Opa von Dimitri, auf den Großvater von Alexej.

Die Russen sind schließlich unser Untergang! Der Bolschewismus muss aufgehalten werden! Jeder Russe ist ein Untermensch!

Schwer verwundet ist Moritz' Opa nach Hause gekommen, Ende 1944. Er hat bis zum Ende seines Lebens Deutschland nicht mehr verlassen.

 

Moritz zeigt nun eine Fotografie seines Vaters als ganz junger Mann, man sieht die Ähnlichkeit. Er steht vor der entstehenden Mauer in Berlin, drohende Gebärden nach „drüben“. Er hat eine Amerikafahne in der Hand. Andere stehen bei ihm, halten Plakate in der Hand. „Weg mit der russischen Besatzung“, hatten sie darauf geschrieben, oder „Tod dem Bolschewismus!“.

Gegenüber stand ein russischer Panzer, der Motor lief, bedrohlich klangen die Ketten, als sich das Ungetüm langsam über den Asphalt wälzte. Das Kanonenrohr drehte sich, bis es auf die Demonstanten zeigte. Diese waren verschüchtert, wichen aber nicht zurück.

Die Luke öffnete sich, ein russischer Soldat blickte heraus. Er schrie etwas in seiner Sprache und fuchtelte mit den Händen herum. Dann drohte er mit einem Maschinengewehr. Die Demonstanten verschwanden.

Das alles hielt den Bau der Mauer nicht auf, veränderte die Weltgeschichte nicht und wurde in keinem Geschichtsbuch erwähnt. Aber es wurde erzählt, in der deutschen Familie und in der russischen.

Doch das ist lange her.

Die Mauer ist gefallen und eine russische Familie ist in den Westen gegangen.

Sie trugen die alten Geschichten im Herzen, doch sie verschlossen ihre Herzen deswegen nicht.

Jetzt sprechen alle zusammen über die Technik des Digitalisierens und denken über die Geschichte der Bilder gar nicht nach.

 

Und Moritz' Tochter, halb Russin, hat nun die Augen ihres Großvaters und seine Wangenknochen geerbt. Die Haare aber hat sie ganz eindeutig von ihrer russischen Mutter.

 

Auf dem Rückweg, Klimaanlage und Radio an, Nahost-Konflikt.

Bomben auf das einzige Krankenhaus, Raketeneinschläge im einzigen Kraftwerk.

Schreiende Kinder, sterbende Menschen.

Hunger, Blut, Tod.

 

Ich schalte das Radio aus.

In meinem ersten Impuls möchte ich eine hohe Mauer bauen, um sie alle, am besten noch einen Deckel drauf. Nach fünfzig Jahren kann man dann mal nachsehen, was daraus geworden ist. Wahrscheinlich hat sich das Problem dann erledigt.

 

Eigentlich aber möchte ich etwas ganz anderes.

 

Ich möchte sie einladen, zum Grillen. Zu Irina, in den Schrebergarten vor den Toren der Stadt. Sie werden nicht kommen. Aber irgendwann vielleicht ihre Enkel...

Kontakt

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